{"id":1128,"date":"2024-03-25T10:00:04","date_gmt":"2024-03-25T10:00:04","guid":{"rendered":"https:\/\/anerwelten.lu\/wordpress\/?p=1128"},"modified":"2024-03-26T16:17:34","modified_gmt":"2024-03-26T16:17:34","slug":"solarpunk-mensch-aus-menschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anerwelten.lu\/wordpress\/solarpunk-mensch-aus-menschen\/","title":{"rendered":"SOLARPUNK: Mensch aus Menschen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">[by LUC FRAN\u00c7OIS]<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201cW\u00e4re diese Gesellschaft ein Mensch, sie w\u00e4re ein Heroin-S\u00fcchtiger.\u201d<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das war der erste Satz, den ich von dir geh\u00f6rt habe, damals vor zig Jahren. Sturzbetrunken bist du gewesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An den Namen der Bar kann ich mich nicht erinnern. Daf\u00fcr nur zu genau an meinen ersten Eindruck von dir: Was f\u00fcr ein Trottel. So ein selbstgef\u00e4lliger Pseudo-Nihilist, der sich dadurch \u00fcberlegen glaubt, dass er \u201cunbequeme Wahrheiten\u201d ausspricht. Blo\u00df schien dir die Beharrlichkeit zu fehlen, die solche Zeitgenossen gemeinhin auszeichnet. Kaum war der Satz ausgesprochen, hast du dich zu deinem Drink umgedreht und vergessen, dass es mich \u00fcberhaupt gibt. Nun, das w\u00e4re bei deinem Durst so oder so passiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass wir uns nicht blo\u00df wiedersehen, sondern in Professor Snyders Team zusammenarbeiten w\u00fcrden, haben wir damals beide nicht geahnt. Ein paar Monate sp\u00e4ter muss es gewesen sein \u2013 gerade so viel Zeit, dass mir dein Gesicht noch im Hinterkopf herumgespukt ist. Auch ohne Promille hast du nicht die beste Figur gemacht. Hast mir die Hand gereicht, mir sogar kurz in die Augen geschaut, und doch an etwas anderes gedacht. Gut, vielleicht hast auch du den Tag wie im Rausch verbracht und dir immer wieder vor Augen halten m\u00fcssen, dass das echt ist. Dass du tats\u00e4chlich Teil von Snyders Team bist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Du hast gelacht, als ich dir von diesen beiden Eindr\u00fccken erz\u00e4hlt habe. \u201cEcht, so schlimm ist es gewesen?\u201d<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit der Zeit habe ich verstanden, dass es dir in dieser Bar nicht darum ging, mich irgendwie zu beeindrucken oder dich zu profilieren. Du hast nachgedacht, wie immer, eigentlich. Die Drinks haben dich lediglich dazu aufgestachelt, eine Fremde auf dein Gedankenkarussell einzuladen. Erst ein Jahr sp\u00e4ter bin ich dieser Einladung gefolgt und habe von dir wissen wollen, was genau es mit dieser Aussage auf sich hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201cStell es dir nur einmal vor\u201d, hast du losgelegt. Das ist typisch f\u00fcr dich: Immer willst du, dass sich die Leute etwas vorstellen. \u201cWir Menschen bestehen aus etlichen winzigen Organismen, die zusammen das Ganze formen. Dabei besteht eine klare Rollenverteilung: Es gibt Zellen, die bewegen, Zellen, die transportieren und nat\u00fcrlich auch Zellen, die lenken. Steht es nicht \u00e4hnlich um die Menschen in unserer Gesellschaft?\u201d<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201cUnd was genau hat das mit Heroin-Sucht zu tun?\u201d<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201cDas liegt doch auf der Hand! Die Droge macht dich high. Gaukelt den einen Zellen das Paradies vor, w\u00e4hrend es dem Rest so richtig erb\u00e4rmlich ergeht. Kein gutes Gesch\u00e4ft, oder? Bl\u00f6derweise sitzen diejenigen Zellen am l\u00e4ngeren Hebel, die beim Schuss auf ihre Kosten kommen. Selbst wenn es mit dem gro\u00dfen Ganzen steil bergab geht, lassen sie nicht locker, verlangen immerzu nach mehr. Sie laufen wider besseren Wissens auf den Abgrund zu.\u201d<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ungef\u00e4hr um die Zeit herum hat dir die Welt recht gegeben. Der Abgrund hat sich aufgetan, und holla, war das ein Sturz. Viele haben ihn nicht \u00fcberstanden, aber zumindest zwei Zellen sind einigerma\u00dfen unbeschadet davongekommen \u2013 weil sie sich zusammengetan haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\ud80c\udda3<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Pl\u00f6tzlich ein \u201cwir\u201d zu sein, das war merkw\u00fcrdig. Erst die prickelnde Art, wenn etwas neu ist und die ganze Welt eine Winzigkeit besser scheint, als sie eigentlich ist. Merkw\u00fcrdig aber auch, weil unser Bindeglied stets die Arbeit gewesen ist. Und pl\u00f6tzlich war genau davon mehr als je zuvor zu bew\u00e4ltigen. Die Gesellschaft in all ihren Facetten ist unser Steckenpferd \u2013 beide k\u00f6nnten wir im Schlaf aufz\u00e4hlen, was s\u00e4mtliche Gesellschaftsformen der letzten paar Jahrhunderte gepr\u00e4gt, gespeist und schlie\u00dflich zu Fall gebracht hat. Wir waren gefragt, innerhalb der Branche sogar etwas wie Stars.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Merkw\u00fcrdig allerdings auch das Zusammenleben, das von Arbeit erst bestimmt, dann erdr\u00fcckt wurde. Immer weniger Platz f\u00fcr Erholung, f\u00fcr Z\u00e4rtlichkeiten, f\u00fcr Zweisamkeit. Du bist darin aufgegangen, konntest nachts nicht stillliegen und hast dir am Morgen das Fr\u00fchst\u00fcck eiligst in den Mund gestopft \u2013 oder es gleich \u00fcbersprungen \u2013, blo\u00df um mit der Kaffeetasse in der Hand loszulegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Merkw\u00fcrdig dann die Zeit danach. Die Zeit, nachdem ich erkannt habe, dass du das kannst, aber ich nicht. Dass du am meisten strahlst, wenn du Probleme analysieren, L\u00f6sungen formulieren, B\u00fccher w\u00e4lzen und unser kleines Zuhause mit Notizzetteln fluten kannst. F\u00fcr ein \u201cWir\u201d ist kein Platz mehr geblieben, also hat sich das \u201cIch\u201d retten m\u00fcssen. Aber das ist in Ordnung, so funktionierst du nun einmal. Man muss es positiv sehen: Es hat mich durch die Krise getragen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass wir weiter zusammenarbeiten? Nein, das finde ich nicht merkw\u00fcrdig. Wir kennen uns. Helfen uns. Wissen, was der andere braucht, wenn es einmal nicht weitergeht. Wir funktionieren gut zusammen. Und wir werden gebraucht, erst recht seit Professor Snyder in den Ruhestand gegangen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\ud80c\udda3<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201cEs ist eine Art Experiment\u201d, hast du mir die Neuigkeiten \u00fcberbracht. \u201cEin stattliches Budget, eine mehr als ausreichende Testgruppe und alle Freiheiten, die wir brauchen.\u201d Nie habe ich dich so begeistert erlebt. Aber was sage ich? Ich habe mich ebenfalls gefreut \u2013 auch wenn ich dann und wann in deinem Schatten verschwinde, habe ich nicht meinen Ehrgeiz verloren. Wir, du und ich, sollen zusammen die Gesellschaft von morgen konzipieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und irgendwie, \u00fcberrumpelt und \u00fcberm\u00fcdet inmitten der Planung, da ist der Gedanke des Heroin-S\u00fcchtigen wieder aufgetaucht. Aus dem Vergangenen muss man schlie\u00dflich lernen. \u201cWie also\u201d, hast du gefragt, \u201ck\u00f6nnen wir dieses Bild umformen, damit es am Ende funktioniert?\u201d Anschlie\u00dfend haben wir uns hingesetzt, die Gesellschaft einmal mehr auf den menschlichen K\u00f6rper mit all seinen Funktionen abgebildet und die Blaupause erst vorsichtig, dann immer rabiater abge\u00e4ndert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201cWichtig ist, ein gesamtgesellschaftliches Gl\u00fccksempfinden anzustreben. Ob es gut oder schlecht l\u00e4uft, alle sollen es zu gleichen Teilen sp\u00fcren. Einen besseren Anreiz kann es nicht geben, damit alle am selben Strang ziehen.\u201d<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe dir recht gegeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201cAber eine Rollenverteilung ist unausweichlich. Es muss weiterhin solche geben, die lenken, die transportieren, die bewegen.\u201d<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe nicht schlecht gestaunt: Du hast die Worte von damals aufgegriffen. Hast den Plan all die Jahre in Erwartung einer passenden Gelegenheit mit dir rumgetragen. Entsprechend habe ich mich kleiner gef\u00fchlt \u2013 wie ein Fig\u00fcrchen, das brav nickt. Aber das sei schon richtig, habe ich bemerkt, die Welt sei ein komplizierter Ort. Und diese Komplexit\u00e4t m\u00fcsse man herunterbrechen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Irgendwann bist du losgelaufen. Erst von rechts nach links, dann immerzu im Kreis. Hast eine ganze Weile nichts gesagt und danach eine ganze Weile ohne Unterlass geredet. Dar\u00fcber, dass dies eine einmalige Gelegenheit sei, die Altlasten der Vergangenheit \u00fcber Bord zu werfen, die Weichen f\u00fcr morgen zu stellen und jetzt erst recht f\u00fcr eine m\u00f6glichst gute Welt zu ackern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Gesellschaft, die nachhaltig funktioniert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Gesellschaft, in der man sich nicht f\u00fcrchten muss.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Gesellschaft, in der man aufbl\u00fchen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Gesellschaft, die anderen als Vorbild dient.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Gesellschaft, in der einem niemand daf\u00fcr auf die Finger haut, wer man ist oder sein will.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Du hast den Heroin-S\u00fcchtigen umgebaut, jeden Tag in Gedanken eine neue Version angefertigt. Evolution, wenn man es so nehmen mag, nur handgemacht und in gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfstab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und du hast dich in Zahlen vergraben, hast deine T\u00fcfteleien am Snyder-Ishikawa-Index abgeglichen, ihnen das Babanin-Modell \u00fcbergest\u00fclpt und sie an der Liebnitz\u2019schen Skala gemessen. Aus allen Richtungen bist du gleichzeitig vorger\u00fcckt, um dich am Ende zu mir umzudrehen und mit zerzaustem Haar und blutunterlaufenen Augen ein heiseres \u201cWir k\u00f6nnen das schaffen\u201d an mich zu richten.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\ud80c\udda3<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der alten Gesellschaft ist es f\u00fcr Akademiker eher un\u00fcblich gewesen, vor Staunen kein Wort herauszubringen. Selbst dir hat es die Sprache verschlagen, als das Projekt nach fast zwei Jahren der Planung angelaufen ist. Freiwillige, laut der Mail von letzter Woche sind es an die Hunderttausend. Hun-dert-tau-send! Ein St\u00e4dtchen, das seit den Unruhen mehr oder weniger brach liegt und scheinbar nur auf uns gewartet hat. Dazu F\u00f6rdermittel, die meinen Horizont um die eine oder andere Null \u00fcbersteigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201cHier k\u00f6nnen wir vor den Augen der Welt ein Paradies errichten.\u201d<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe zu dir r\u00fcbergeschaut. Habe gesehen, wie sich hinter deinen Augen schon die n\u00e4chsten Rechnungen aufbauen, wie Abl\u00e4ufe koordiniert werden, wie sich das Leben einpendelt. Durchaus, ich bewundere dich daf\u00fcr, aber ich h\u00e4tte mir gew\u00fcnscht, du w\u00fcrdest auch mich ansehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Immerhin ist es unser Projekt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Gedanke ist rasch verflogen, so viel haben wir auf einen Schlag erledigen m\u00fcssen. Bei allen Geldern und Mitteln, dem breit gef\u00e4cherten Know-How innerhalb der Testgruppe und all den vielen erfreulichen Dingen zu Projektbeginn ist mir doch erst in dem Moment etwas klar geworden: Das wird eine verdammt anstrengende Zeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir haben im Vorfeld so viel organisiert wie nur m\u00f6glich, haben ein Monstrum aus Konferenzen und Mails bezwungen, Pl\u00e4ne aufgestellt, verworfen, verfeinert, verkn\u00fcpft. Haben ein Team um uns aufgebaut, Menschen geschult und die Vision mit ihnen geteilt. Wir haben die Stra\u00dfen dieses St\u00e4dtchens mit Grundsteinen und guten Vors\u00e4tzen neu gepflastert, damit es am Ende so weit wie nur m\u00f6glich selbsterhaltend, gerecht und ebenso lebenswert wie lebhaft ist. Unser Herzblut haben wir in jeden einzelnen Fleck gepumpt, haben die Entt\u00e4uschungen der Vergangenheit in Gelegenheiten f\u00fcr die Zukunft verwandelt und sind am Ende doch nie ohne einen Kopf voller Sorgen, Zweifel und \u00dcberlegungen zu Bett gegangen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bereits die erste Woche hat uns gezeigt: Das ist es wert gewesen. Die Welt drau\u00dfen funktioniert nur mehr mit Abstrichen \u2013 erheblichen Abstrichen. Unsere Welt hingegen, die erbl\u00fcht. Sie scheint besser, sicherer und sch\u00f6ner als es die alte Welt je gewesen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine besondere Komponente ist die Vernetzung. Darauf hast du gro\u00dfen Wert gelegt: Wenn es funktionieren soll, m\u00fcssen die Menschen auf ebenem Grund stehen und einander mit Respekt und Wertsch\u00e4tzung begegnen. Dazu haben wir Konzepte entwickelt, bei denen die Bewohner unseres St\u00e4dtchens einander treffen, sich austauschen und auch ihre kleinen Konflikte an Ort und Stelle austragen. Sie sollen sich sehen, ganz gleich, ob sie nun Dinge bewegen, transportieren oder lenken. Und sie sollen lernen, einander zu verstehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch ich selbst habe an einer dieser Aktivit\u00e4ten teilgenommen \u2013 unerkannt. Eine dezent aus der Zeit gefallene Brille, eine andere Frisur und etwas Puder im Gesicht haben ihren Dienst geleistet und daf\u00fcr gesorgt, dass mich niemand erkennt. Wie sollte man auch, bin ich doch ausnahmsweise einmal ohne dich losgezogen? Das habe ich f\u00fcr mich allein erleben wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sei im Bereich der Bildung t\u00e4tig, habe ich vorgegeben, und ich habe mich mit einer Reinigungskraft, einem Lagerarbeiter und einem Mitglied der Stadtverwaltung ausgetauscht. Es ist ein ruhiger, aber f\u00fcr mich sehr erhebender Abend gewesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\ud80c\udda3<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum hundertsten Tag seit Projektbeginn haben wir eine kleine Fete organisiert. Offene B\u00fchnen stadtweit und reichhaltige Verk\u00f6stigung aller Art. Dazu bestes Wetter, um drau\u00dfen zu verweilen und das Miteinander zu erleben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch diesmal bin ich alleine losgezogen, jedoch ohne Verkleidung. Ich habe mich in dem sonnen wollen, was wir gemeinsam mit all diesen Menschen aufgebaut haben, ohne mich dabei in deinem Schatten wiederzufinden. Es ist ein wundervoller und wundervoll anregender Tag gewesen, der mir allerlei neue Ideen eingepflanzt hat. \u201cKann es denn wahr sein?\u201d, habe ich mich dabei wieder und wieder gefragt. \u201cHaben wir wirklich Hals \u00fcber Kopf eine Gesellschaft geschaffen, die funktioniert?\u201d<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe an dem Abend getrunken, das gebe ich zu. Vielleicht sogar mehr als du damals, als du mit dem Heroin-S\u00fcchtigen \u00fcber mich hergefallen bist. Schon komisch, wie weit wir zusammen gekommen sind. So kann es gerne weitergehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\ud80c\udda3<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tag Zweihundert enth\u00fcllt dies alles als blo\u00dfe Illusion. Wir sind \u00fcberm\u00fcdet. \u00dcberarbeitet. \u00dcberfordert. Das hat uns der Beamte am Eingang so bescheinigt. Vor uns sitzt Leo, \u00fcber dessen Treiben wir seit Wochen reden. Leo, dem angelastet wird, das friedliche Miteinander in unserem St\u00e4dtchen mit seiner Bewegung nicht nur sabotiert, sondern voll und ganz zerst\u00f6rt zu haben. Leo, an dessen Fersen du dich vor Wochen geheftet hast \u2013 aus dir h\u00e4tte ein guter Polizist werden k\u00f6nnen. Nun wirst du mit ihm sprechen, und wie ich dich kenne, geht es dir in erster Linie darum, ihn zu verstehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8220;Sie und Ihre Leute haben Unruhen ausgel\u00f6st.\u201d Du lehnst dich nach vorn, kommst gleich auf den Punkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Leo erwidert die Geste. Ihr sp\u00fcrt den Atem des anderen. \u201cTut weh im Ego, oder?\u201d<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sitze neben dir, aber ebenso gut k\u00f6nnte ich in der Ecke stehen oder drau\u00dfen einen Spaziergang unternehmen. Ihr beiden, das sieht man sofort, seid von einem \u00e4hnlichen Schlag. Ich frage mich, ob ihr das ebenfalls merkt. Ob ihr euch deswegen gleich anfeindet, oder ob das ein Spiel ist, das nur ihr beide versteht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201cMit Halbwahrheiten \u2013 um es gro\u00dfz\u00fcgig auszulegen, haltlosen Anschuldigungen und plumper Meinungsmache haben Sie diese Menschen angestachelt. Ich gehe davon aus, dass Sie sich dessen bewusst sind.\u201d<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201cBin ich.\u201d<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201cWie ein stumpfer Unruhestifter kommen Sie mir dagegen nicht vor.\u201d<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Du merkst es nicht, aber du ahmst Leos Bewegungen nach. Die zugespitzten Lippen w\u00e4hrend der vorgeschobenen Denkpause, die langsame Atmung, ihr gleicht euch an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201cDabei bin ich blo\u00df ein Niemand. Ein Mechaniker, kein besonders Guter dazu. Sie hingegen sind \u2013 nein, waren \u2013 eine Ikone. Der Kopf hinter der Gesellschaft von morgen.\u201d<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er prallt an dir ab, dieser Schuss. Dabei wissen wir beide, dass das Projekt gescheitert ist. Zu viele Menschen, die einander misstrauen. Zu viele, die fordern, geh\u00f6rt zu werden, obschon sie nichts zu sagen haben und nie etwas gesagt haben wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201cUnd als Mechaniker, da haben Sie sich von einem Tag auf den anderen entschieden, einen Aufruhr loszutreten. Die Leute glauben zu lassen, es g\u00e4be eine Macht, die sie kleinh\u00e4lt, blo\u00df damit Sie aufsteigen k\u00f6nnen.\u201d<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201cFalsch.\u201d<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihr seht euch einen Moment lang an, ich m\u00f6chte am liebsten verschwinden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201cSie ist sch\u00f6n und gut, die heile Welt, die Sie hier ausgebreitet haben. Alles hat seine Ordnung, alles ist zufriedenstellend, aber alles ist fade. Es ist sch\u00f6n gedacht, das will ich durchaus anerkennen. Aber ich habe keine Lust, Teil davon zu sein. Ich habe mich mit vielen Menschen unterhalten \u2013 so geben Sie es schlie\u00dflich vor \u2013, und dabei hat sich mein Eindruck immer mehr verfestigt: Es geht nur seitw\u00e4rts.\u201d Er sch\u00fcttelt den Kopf. \u201cIhr St\u00e4dtchen, das ist wie ein Mensch, der tagein, tagaus blo\u00df rumliegt.\u201d<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201cDer rumliegt?\u201d<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201cVerstehen Sie nicht, was ich meine? Der Tag war lang, ein St\u00fcndchen Sport in der Sonne, danach gem\u00fctlich gegessen mit Freunden und Familie. Ein schw\u00fcler Abend, man legt sich nieder, bettet den Kopf und das Kissen und findet, das alles sei doch prima. In dem Moment kriecht der Schlaf heran, aber er l\u00e4sst sich Zeit.\u201d<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Du stehst auf, l\u00e4sst dich von den F\u00fc\u00dfen durch diesen Raum tragen, der nicht mehr als einen Tisch und ein paar St\u00fchle umfasst. Bist in Gedanken l\u00e4ngst woanders, das sehe ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201cIch verstehe\u201d, sagst du schlie\u00dflich. \u201cIch sehe diesen Menschen jetzt. Er ist tr\u00e4ge. Er hat\u2019s gut, und damit ist er zufrieden. Es gibt nichts, was ihn mehr zum Aufstehen bewegt.\u201d<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\ud80c\udda3<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir verlassen nach Stunden das Geb\u00e4ude, die Sonne blendet uns. Er hat es nicht l\u00e4nger gut, dieser Mensch. Er k\u00f6nnte in dieser Sonne liegen und diesen herrlichen Tag genie\u00dfen, aber er hat sich eine Krankheit eingefangen. Erst eine Zelle, dann zwei, dann vier, dann acht, dann sechzehn. Anfangs haben sie sich abgeschottet, haben sich vermehrt, dann sind sie \u00fcber den Rest hergefallen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201cWenn unser St\u00e4dtchen ein Mensch w\u00e4re \u2026\u201d, setze ich an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201cEin Tumor, ich wei\u00df.\u201d<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir gehen nebeneinander her, betrachten die Schneise der Zerst\u00f6rung, \u00dcberbleibsel der Unruhen. Die Schmierereien \u2013 \u201cLeben unter dem Deckel\u201d, \u201cEingefangen! Eingegangen!\u201d \u2013 k\u00f6nnen wir wegwischen, die Sch\u00e4den ausbessern, die Betroffenen entsch\u00e4digen. K\u00f6nnen den Schmerz lindern, aber die Bewegung k\u00f6nnen wir nicht l\u00e4nger bremsen. Sie hat Fu\u00df gefasst, Schwung genommen und ist \u00fcber unser St\u00e4dtchen hinweggefegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201cWir werden von vorne anfangen m\u00fcssen. Alles \u00fcberdenken, um es beim n\u00e4chsten Mal besser zu machen.\u201d<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bleibe stehen, du siehst mich an. L\u00e4chelst mir sogar zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201cSchon merkw\u00fcrdig, dass es nicht reicht, wenn alles blo\u00df sch\u00f6n und zufriedenstellend ist. Dass sich die Leute, egal wie gut sie es haben, trotzdem aufstacheln lassen. Aber du hast die Sache schon treffend beschrieben, es ist ein Mensch der liegt und nicht von der Stelle kommt.\u201d<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mir schie\u00dft das Blut in den Kopf, aber du gehst einfach weiter. Ein paar Schritte zumindest, bis du bemerkst, dass ich dir nicht folge.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201cWas ist denn? Hast du geglaubt, ich nehme diesem Leo ab, das alles ginge von ihm aus? Ein Mensch, der tagein, tagaus blo\u00df rumliegt \u2026 So etwas sage nur ich. Und vielleicht jemand, der will, dass ich zuh\u00f6re.\u201d Du sch\u00fcttelst den Kopf. \u201cFr\u00fcher oder sp\u00e4ter w\u00e4re von selbst einer drauf gekommen. H\u00e4tte sich vor die Leute gestellt und ihnen das Blaue vom Himmel versprochen, blo\u00df um auf seine Kosten zu kommen. Ich dachte, unser St\u00e4dtchen sei besser auf diese Art Rattenf\u00e4nger vorbereitet.\u201d<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich komme mir sch\u00e4big vor. So schnell hast du mich also durchschaut? Wir kennen uns zu gut, du und ich. Aber ich wusste nicht, wie ich es dir sonst sagen soll. Du bist so stolz und voller Zuversicht gewesen, und ich \u2026 Ich habe gesp\u00fcrt, wie sich die Zweifel mehren. W\u00fcrde ein Sto\u00df in die falsche Richtung unsere kleine Welt unwiederbringlich aus dem Gleichgewicht bringen? Ich habe es ausprobieren m\u00fcssen. Habe einen aufstacheln und mit den richtigen Gedanken f\u00fcttern m\u00fcssen, um es selbst zu sehen: Auch du kannst dich irren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201cEs tut mir leid.\u201d<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Du winkst mich zu dir, ich verstehe nicht warum. Gekr\u00e4nkt wirkst du nicht, obwohl ich dir in den R\u00fccken gefallen bin. \u201cDiese Stadt ist jetzt Geschichte\u201d, sagst du. \u201cAber Geschichte ist wie eine Patientenakte: Dieser Patient schafft es nicht, das ist schade, doch wir lernen daraus. Passen die Dosierung der Medikamente an, feilen an der Diagnose und schlagen dem Tumor beim n\u00e4chsten Mal ein Schnippchen.\u201d<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und wie du mich ansiehst, glaube ich dir das sogar. Ja, beim n\u00e4chsten Mal machen wir es besser.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[by LUC FRAN\u00c7OIS] \u201cW\u00e4re diese Gesellschaft ein Mensch, sie w\u00e4re ein Heroin-S\u00fcchtiger.\u201d Das war der erste Satz, den ich von dir geh\u00f6rt habe, damals vor zig Jahren. Sturzbetrunken bist du gewesen. An den Namen der Bar kann ich mich nicht erinnern. Daf\u00fcr nur zu genau an meinen ersten Eindruck von dir: Was f\u00fcr ein Trottel. [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1125,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_feature_clip_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_post_was_ever_published":false},"categories":[7,106],"tags":[108,110,78],"ppma_author":[20],"class_list":["post-1128","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-fiction","category-solarpunk-anthology","tag-anthology","tag-luc-francois","tag-solarpunk"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/anerwelten.lu\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/COVER_TESTSINGLE.png","jetpack_sharing_enabled":true,"authors":[{"term_id":20,"user_id":0,"is_guest":1,"slug":"luc-francois","display_name":"Luc Fran\u00e7ois","avatar_url":{"url":"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/?s=96&d=mm&r=g","url2x":"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/?s=96&d=mm&r=g2x"},"author_category":"","user_url":"https:\/\/www.facebook.com\/LucFrancoisAutor","last_name":"","first_name":"","job_title":"","description":"Luc wurde sein ganzes Leben lang liebevoll als Spinner bezeichnet, was er als Aufforderung zum Verfassen etlicher Fantasy- und Science-Fiction-Geschichten verstanden hat. 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